Sowohl der Mobilfunk- als auch der Fernsehmarkt haben in Deutschland seit 2000 mit einem schwierigen Branchenumfeld zu kämpfen. Der Mobilfunkmarkt wies in den Jahren 2001 bis 2003 stark sinkende Wachstumsraten auf. Ursächlich hierfür sind eine sich der Sättigungsgrenze annähernde Mobilfunkpenetration und ein stagnierender ARPU (Average Revenue per User). Hinzu kommen hohe Investitionskosten für UMTS-Lizenzen und –Infrastruktur sowie daraus resultierende hohe Verschuldungsraten.
Der deutsche Fernsehmarkt musste seit 2001 aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Gesamtlage kontinuierliche Rückgänge bei den Werbeerlösen hinnehmen, wobei auch den öffentlich-rechtlichen Sendern nur noch geringe Gebührenerhöhungen genehmigt wurden. Das momentan in Pilotprojekten erprobte mobile, interaktive Fernsehen auf Basis des neuen, digitalen Rundfunkstandards DVB-H könnte sowohl den Mobilfunknetzbetreibern als auch den TV-Sendern die Möglichkeit zu neuem Wachstum bieten, das es die Distribution von Inhalten über Rundfunkkanäle (one-to-many) mit einer Punkt-zu-Punkt-Übertragung (one-to-one) kombiniert. So sollen die Vorteile kostengünstiger breitbandiger Downlink-Kanäle für multimediale Inhalte mit denen individualisierter Diensteerbringung auf einem mobilen Endgerät kombiniert werden, ohne dass ein für den Nutzer sichtbarer Medienbruch erfolgt. In einem konkreten Use Case könnte ein Nutzer ein Fernsehprogramm auf seinem mobilen Endgerät empfangen (z.B. einen Musik-Clip). Während des Abspielens hat er die Option, über die Benutzeroberfläche einem Link zu einer Musik-Download-Börse zu gelangen, von der aus er sich den Clip als MP3-Datei direkt an das Endgerät oder seine E-Mailadresse schicken lassen kann.
Technisch wird beim Fernsehen auf DVB-H-Basis der Downlink-Kanal in einer Abwandlung des terrestrischen, digitalen Rundfunk-Standards DVB-T (Digital Video Broadcasting-Terrestrial) realisiert. DVB-H optimiert DVB-T hinsichtlich der Anwendung auf mobilen Kleingeräten wie Smart Phones und PDAs durch Verbesserung des Stromverbrauchs und Formatanpassung an kleinere Bildschirmgrößen. Momentan geht die Tendenz zukünftiger Anbieter von DVB-H-fähigen Endgeräten wie Vodafone dahin, den Kunden das DVB-H-Signal gegen eine geringe zusätzliche Grundgebühr empfangen und nutzen zu lassen. Das Abrufen individueller Dienste erfordert einen zusätzlichen Rückkanal via GPRS oder UMTS zum „Host“ dieser Dienste, der aufgrund des Quasi-Monopols des Mobilfunkbetreibers im Uplink nur über diesen erfolgen kann.
Für den Endkunden verfügbare DVB-H-Angebote wird es voraussichtlich erst ab 2006 auf dem Markt geben. Entsprechende Pilotprojekte wurden jedoch bereits in Berlin vom bmco-Konsortium, dem u.a. Vodafone und Nokia angehören, und von der Mobile Media Distribution-Initiative der T-Systems durchgeführt. Zudem existieren paneuropäische Initiativen wie INSTINCT und Projekte in Finnland.
Die Kombination aus Broadcasting und Individualkommunikation bietet die Option, die Skalenvorteile der einen Struktur mit den Individualisierungspotenzialen der anderen zu verbinden. Kritisch ist hierbei, die Fähigkeiten des Endgeräts zu vertretbaren Kosten auszubauen. Zum anderen muss geklärt werden, über welchen der beiden verfügbaren Downlink-Kanäle welche Inhalte übertragen und wie diese letztendlich im User Interface repräsentiert werden. Als weiterer Konvergenz-Aspekt bleibt die Frage, ob für den besonderen Kontext des mobilen Medien- und Dienstekonsums spezialisierte Angebote erstellt oder ob herkömmliche Fernseh-Inhalte auf DVB-T-Basis verwendet werden sollten. Damit einher geht die Frage, ob dem neuen Segment Werbeeinkünfte in gleichem Maße wie im herkömmlichen TV als Finanzierungsquelle offen stehen werden.
Martin Schmid




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